Als Netflix 2019 mit The Witcher an den Start ging, war der Anspruch hoch: Man wollte ein neues Fantasy-Schwergewicht wie Game of Thrones etablieren, düsterer als klassische High Fantasy, moralisch ambivalenter als die meisten Genrevertreter und getragen von einer Welt, in der Monster selten das größte Übel sind. Aber klar, Vorbild war die Computerspielserie und entsprechend sind die Erwartungen der Fans. Einer davon ist der erste Hauptdarsteller selbst, Henry Cavill.
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Die ersten Staffeln machten deutlich, dass dieses Vorhaben zumindest teilweise gelang – nicht zuletzt dank Henry Cavill, der die Serie stärker prägte, als es viele Drehbücher je taten.
Doch je weiter sich das Witcher-Universum auf Netflix ausdehnte – mit Spin-offs, Prequels und sogenannten „Witcher Tales“ –, desto deutlicher zeigte sich ein strukturelles Problem: Die Witcher-Welt wächst, aber ihr erzählerisches Zentrum wird schwächer. Was als zusammenhängendes Epos begann, wirkt heute eher wie ein Mosaik aus Ideen, Stimmungen und Ansätzen, die nicht immer harmonieren. Lese hier weitere Serienkritiken.
The Witcher – Vom Charakterdrama zum fragmentierten Fantasyformat
Im Mittelpunkt der Hauptserie stand von Beginn an Geralt von Riva – und damit Henry Cavill. Seine Darstellung war mehr als eine werkgetreue Umsetzung: Cavills Geralt lebte von Zurückhaltung, physischer Präsenz, mimischer Ausdrucksstärke und einer stillen Melancholie, die selbst dann trug, wenn die Erzählstruktur holperte oder Zeitlinien unnötig verkompliziert wurden. Er war der emotionale Anker einer Welt, die oft bewusst chaotisch erzählt wurde.
Klar, die Handlung in solchen Computerspielen dreht sich um ständig neue Quests und Abenteuer und so reiht auch die Netflix-Serie lauter Aufgaben für den Helden aneinander.
Mit den späteren Staffeln verschoben sich jedoch die Prioritäten. Die Serie wollte größer werden, politischer, vielstimmiger. Figuren wie Yennefer und Ciri rückten immer stärker in den Fokus, was inhaltlich sinnvoll, erzählerisch aber nicht immer konsequent umgesetzt war. Konflikte wurden schneller, Dialoge erklärender, Grautöne gelegentlich zugunsten klarerer Fronten aufgegeben.
Der Ausstieg von Henry Cavill markiert schließlich mehr als einen simplen Schauspielerwechsel. Mit Liam Hemsworth übernimmt ein Darsteller die Rolle, der sich zwangsläufig mit einem etablierten Bild messen lassen muss. Doch das eigentliche Problem liegt weniger in seiner Leistung als in dem Zustand der Serie selbst: Geralt wirkt nun weniger wie das moralische Gegengewicht zur Welt, sondern eher wie eine Funktion innerhalb der Handlung. Der Verlust an Gravitas ist spürbar – und er legt Schwächen frei, die zuvor durch Cavills Präsenz abgefedert wurden.
The Witcher ist damit nicht gescheitert, aber aus dem Gleichgewicht geraten. Die Serie erzählt weiter, doch sie trägt nicht mehr dieselbe innere Notwendigkeit in sich.
The Rats: A Witcher Tale – Nähe am Rand der großen Erzählung
Mit The Rats wagt Netflix einen Perspektivwechsel. Statt legendärer Monsterjäger stehen junge Außenseiter im Mittelpunkt: eine Bande, die sich zwischen Gewalt, Loyalität und jugendlicher Verzweiflung bewegt. Im Kontext der Hauptserie sind die Rats tragische Randfiguren – das Spin-off versucht, ihnen Stimme und Tiefe zu verleihen.
Stärken zeigt The Rats vor allem dort, wo es leiser wird. In Momenten der Unsicherheit, der zwischenmenschlichen Dynamik, der Suche nach Zugehörigkeit entfaltet die Geschichte eine emotionale Direktheit, die der Hauptserie zuletzt oft fehlte. Hier geht es weniger um Schicksal und Prophezeiung, sondern um unmittelbare Konsequenzen von Entscheidungen.
Gleichzeitig bleibt das Spin-off tonal unstet. Dadurch verliert die Geschichte an Gewicht – nicht, weil sie belanglos wäre, sondern weil sie ihr eigenes Potenzial nicht vollständig ausschöpft.
The Rats funktioniert als Ergänzung, nicht als tragende Säule. Es zeigt, dass das Witcher-Universum gerade in seinen Nebenfiguren Tiefe entwickeln kann, bleibt aber erzählerisch zu vorsichtig..
Wer Fans opulenter Bilder und toller Kostüme ist, wird auch The Rats gerne schauen, aber man entwickelt nicht so einen Bezug zu den Figuren und lässt sich eher berieseln.
Blood Origin – Der Ursprung ohne Echo
Mit The Witcher: Blood Origin greift Netflix noch weiter aus. Das Prequel will nichts Geringeres als die mythologische Grundlage der gesamten Welt erzählen: die Konjunktion der Sphären, den Fall der Elfenreiche, die Entstehung der ersten Hexer. Es ist der Versuch, dem Universum historische Tiefe zu verleihen. .
Das zentrale Problem von Blood Origin liegt in seiner Kürze. Vier Episoden reichen nicht aus, um Mythen entstehen zu lassen. Hier aber wird Geschichte komprimiert, beschleunigt und in Dialoge gepresst, die oft zu modern, zu direkt, zu erklärend wirken.
Hinzu kommt eine merkwürdige emotionale Distanz. Die Welt ist opulent gestaltet, doch sie bleibt seltsam ungreifbar. Politische Konflikte werden skizziert, kulturelle Brüche angedeutet, Opfer benannt – aber selten fühlbar gemacht. Statt eines gewachsenen Ursprungs entsteht der Eindruck einer nachträglichen Legitimierung. Blood Origin ist damit weniger ein Mythos als eine Fußnote, die sich selbst überschätzt.
Ein zerrissenes Ganzes
In der Zusammenschau zeigt sich ein klares Muster: Das Netflix-Witcher-Universum leidet nicht an Ideenarmut, sondern an mangelnder erzählerischer Geschlossenheit. Die Hauptserie verliert mit Cavills Abgang ihren emotionalen Schwerpunkt. Die Spin-offs suchen nach neuen Blickwinkeln, finden aber keine gemeinsame Sprache. Das Prequel erklärt viel, aber verankert wenig.
Was fehlt, ist ein klares Verständnis davon, was The Witcher im Kern sein will: tragisches Fantasy-Epos, politisches Drama, Charakterstudie oder modernes Franchise-Produkt. Jede einzelne Produktion beantwortet diese Frage anders – und genau darin liegt die Zerrissenheit.













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